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Text für Gründonnerstag

Gründonnerstag 9. 4. 2020: Sich Gott in die Arme werfen - mit Christus in Gethsemane wachen

„Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Diesen Text schrieb der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer zum Jahreswechsel 1944/45 im Gefängnis der Gestapo in Berlin. War ihm bewusst, dass es der letzte Jahreswechsel seines Lebens war?



Bonhoeffer war seit der Machtergreifung Hitlers 1933 im Widerstand aktiv. 1943 wurde er wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet, es kam aber zu keinem Prozess. Nach dem fehlgeschlagenen Attentat auf Hitler am 20. 7. 1944 wurde Bonhoeffer wieder verhaftet, obwohl ihm keine Mittäterschaft nachgewiesen werden konnte. Ab Oktober 1944 waren er und andere Verschwörer im Keller der Gestapo-Zentrale in Berlin inhaftiert, Anfang Jänner wurde er ins KZ Buchenwald überstellt. Anfang April 1944, also kurz vor dem Selbstmord Hitlers und dem Kriegsende, ordnete dieser die Hinrichtung aller noch lebenden „Verschwörer“ an. Diese wurden ins KZ Flossenbürg gebracht, wo ein Scheinprozess stattfand, in dem Bonhoeffer am 8. April zum Tode verurteilt wurde. Er wurde am 9. 4. 1945, also vor 75 Jahren, gehängt.

In der vergangenen Woche hat sich der katholische TheologeGunter Prüller-Jagenteufel in der Radio-Sendung „Gedanken für den Tag“ über einige Aussagen Bonhoeffers Gedanken gemacht. So meint er: „Dass Bonhoeffers Leben vor 75 Jahren am Galgen geendet hat, war kein Zufall. So wie auch Jesu Tod am Kreuz kein Zufall war. Beide sind beseitigt worden, weil sie den egoistischen Interessen der Mächtigen Widerstand entgegengesetzt hatten; weil sie sich konsequent einsetzten für die, die nichts galten; weil sie dieser Welt nicht nur den Spiegel vorgehalten, sondern ihr auch eine Ahnung dessen gegeben haben, was "Reich Gottes" heißen könnte.“

Während seiner Gefangenschaft im Gestapo-Gefängnis schrieb Bonhoeffer einmal: „Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen (…), dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, (…); und so wird man ein Mensch, ein Christ." So ergibt sich einen Bogen vom 9. 4. 1945 zum heutigen Gründonnerstag, 9. 4. 2020.

Hedi Kadletz

Sonntag, 25. Oktober 2020